Das Stichwort Mayerling

Seit über 100 Jahren ist der Name dieses Ortes eng mit einem Vorfall verbunden, der als „Drama von Mayerling“ in Geschichtsbücher und Enzyklopädien Einzug gefunden hat – mit dem Tod des Erzherzogs Rudolf von Österreich und der Baroness Mary Vetsera. Am Morgen des 30. Januar 1889 war der Kronprinz von Österreich-Ungarn mit seiner minderjährigen Geliebten hier in seinem Jagdschloss tot aufgefunden worden. Hätte der kaiserliche Hof nicht unmittelbar nach Bekannt werden des Ereignisses begonnen, der Öffentlichkeit nur häppchenweise Informationen und Halbwahrheiten zu servieren, hätte diese familiäre Tragödie sicher nie den Status eines „Mythos“ erworben. So wie beim Tod von Lady Diana nur langsam der tatsächliche Hergang ihres Autounfalls in Paris bekannt wurde, dauerte es im Fall Habsburg Jahrzehnte, bis seriöse Autoren und Journalisten Quellen auswerten und Schlüsse ziehen konnten.

Mawrling, Mewerling, Mowerlingen, Murlingen – was bedeutet dieser weltbekannte Ortsname eigentlich? In seiner ing-Form geht er auf „Menschen auf der Mauer“ zurück und könnte an das Adelsgeschlecht von Ozo und Otfrid erinnern, die hier auf freien, befestigten Eigen leben. Andere Quellen wollen die Namengebung auf das Jahr 869 datieren, als Baden unter der Bezeichnung „Padum“ genannt wird. Ins althochdeutsche lauschend, setzt sich Mayerling aus dem „hofling“ für Höfling und „charmarling“ für Kämmerling zusammen, als Bindewort für häusliche Zugehörigkeit wird ein aus „muri“ abgeleitete „muriling“ verwandt. Übersetzt hieß Murlingen also „zu den Haus- oder Dorfleuten“. Weit poetischer klingt die Namenswerdung in der Chronik des Karmels: im Namen Mayerling schwingt der Wonnemonat Mai mit, das Wort Meierei als Synonym für Milch, Honig und somit das gelobte Land und natürlich der Name Mariens. Wonne, Paradies, Jungfräulichkeit – welch ein Kontrast zum blutigen Tod der jungen Baroness und des Kronprinzen vor über 110 Jahren…

Mehr als 30 Versionen, wie Rudolf und Mary und ob beiden denn überhaupt ums Leben gekommen sind, kursieren heute: Selbstmord, Eifersucht, missglückte Abtreibung, religiöser Wahn, politische Zusammenhänge, familiäre Disharmonien, antimonarchistische Umsturzpläne – all das wird erwähnt, soll Licht in die Vorfälle jener ominösen Winternacht gebracht werden. Angeblich soll der Name des mit Schmach, Schande und vielleicht einer Mordtat beladenen Kronprinzen nach seinem Tod in der Hofburg nicht mehr erwähnt worden sein – was allerdings nachweislich nicht stimmt. Fakt ist jedoch: über die zweite Leiche in Mayerling durfte offiziell bis zum Beginn der 1. Republik nicht gesprochen werden. Marys Name wurde getilgt auch an den Kronprinzen sollte das Volk unter Franz Josef möglichst wenig Erinnerungen haben.

Mayerling. „Hier wird deutlich, was Liebe wirklich heißt: Tod.“ Das sagt einer jener Reiseleiter, die im Sommer mehrmals täglich Touristen im Sightseeing-Bus auf der Tour vier „Mayerling and the Vienna Wood“ von Baden zur Seegrotte nach Mödling begleiten. Schließlich muss es einen Grund geben, warum jährlich Tausende Touristen den Weg in den Wienerwald finden. Kaum einer dieser Besucher weiß viel mehr, als dass der Kronprinz mit einer Geliebten, einer Minderjährigen, hier gestorben sei – über viel mehr informiert auch die Internet-Seite der „Gedächtnisstätte Kronprinz Rudolf“ nicht. Und trotzdem kommen sie in Scharen – hunderte jeden Tag. Ob sie einen Blutfleck erwarten so wie die Wartburg-Besucher Luthers Tintenspritzer an der Wand? Oberhalb Eisenachs hat man zwischenzeitlich den jahrhundertelang immer wieder sorgsam nachgezeichneten Tintenklecks des Reformatoren übertüncht. Und auch in Mayerling gibt es kein Blut mehr zu sehen. Freilich, wer die richtige Führung bekommt, sieht Blut – oder wird zumindest auf dunkle Spritzer auf einem Teppich, der aus dem Sterbezimmer stammen soll, aufmerksam gemacht. Doch so wie Luzifer leibhaftig sicher nie die Wartburg betrat, dürfte jener Teppich auch nie im Sterbezimmer gelegen sein.

Mayerling hat keinen Bäcker, keinen Metzger, keinen Konsum. Dafür gibt es drei Wirtshäuser, zwei Postautobushaltestellen, eine Privatpension, zwei katholische Kirchen und zwei Klöster. Österreich heißt schließlich nicht ohne Grund auch Klösterreich. Sonst gibt es keine Spur von Infrastruktur. Selbst die schon im Mittelalter existierende Kreuzung zweier wichtiger Straßen, des Binnen-Wienerwaldweges Nord-Süd und der Fernverbindung St. Pölten-Baden, führt Reisende von hier eher fort. Eigentlich würde niemand freiwillig hierher kommen.